[home]

Woran erkennt man einen paraintellektuellen Text?

November 23, 2006

Zuerst: Was ist ein paraintellektueller Text?

Es begegnen einem immer wieder Texte, die durch sprachliche Vernebelung auf hohem Niveau, Dunkelheit der Argumentation und Reichtum an unmotivierten Zitaten auffallen, ich wähle als Kategorie für solche Werke “paraintellektuell”, weil pseudointellektuell dem investierten Bildungsgrad nicht gerecht wird und “saudoof” nicht polemisch genug ist.

Woran erkennt man einen paraintellektuellen Text?

() Paraintellektuelle schaffen es in der Regel nicht, einen Text zu verfassen, ohne dabei Karl Marx, Walter Benjamin, Ludwig Wittgenstein und eine eigene Drittveröffentlichung zu zitieren, egal, ob es um Kapitalismuskritik, das Wetter in Nordrhein-Westfalen oder ein Rezept für rote Grütze geht. Insofern hat man meist leichtes Spiel.

() Paraintellektuelle benutzten Schlüsselwörter wie “klandestin”, “verorten”, “konzeptualisierter Fetischcharakter” und “dekonstruktive Vergesellschaftung”, die sonst niemand benutzt. Außerdem “konstituieren sich Subjekte” – andauernd konstituieren sich Subjekte. Ein Paraintellektueller sagt abends nicht “Ich geh jetzt ins Bett”, sondern “Ich konstituiere mich jetzt als schlafendes Subjekt”. Gotcha!

() Paraintellektuelle haben eine libidinöse Freude an komplizierten, semantisch fragwürdigen Formulierungen, Beispiel: Das Konzept des Neorassismus kritisiert zum einen eine Vorstellung von Kontinuität, welche den Rassismus, anstatt ihn in seiner aktuellen Konjunktur zu konzeptualisieren, in direkter Kontinuität zu entweder seiner kolonialen oder nationalsozialistischen Herkunft verortet. Was heißt das? Unklar. Ich glaube, es heißt “Rassismus ist nicht gleich Rassismus”. Aber: Es kommt “verorten” drin vor. Gotcha!

() wichtig ist, dass nach der Lektüre eines paraintellektuellen Textes (a) ein Unbehagen darüber verbleibt, was denn nun eigentlich gemeint sei und (b) der Aufwand zur ernsthaften Analyse des Textes den einer Lektüre der Primärliteratur weit übersteigen würde, sprich also dass (c) der Text im Grunde nichts beigetragen hat, außer das verfassende Subjekt konstitutiv in der Hochkultur zur verorten.

Comments

  1. EuRo says:
    December 2, 2006 @ 13:31 — Reply

    In meinem RSS-Feeder verorte ich No Title statt das sich dort storzblog konstituiert hätte. Aber das ist auch schon die Message. Jemand, der das wundervoll reflektiert und das schon seit Jahren, sei hier als Tipp (mit 2p) beigefügt: http://www.gunkl.at und dort die Tips(mit 1p) des Tages.

[home]

Leave a Comment

Line and paragraph breaks automatic, HTML allowed: <a href="" title="" rel=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <code> <em> <i> <strike> <strong>



Put the word storzblog somewhere in your comment, this is my spam-protection. :)

[home]